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Dieses Thema hat 3 Antworten
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 Geschichten
Schnipsel Offline




Beiträge: 15.621

24.12.2010 21:38
Winterwunder Antworten

Winterwunder

„Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht…“, tönte es leise durch die Straßen des kleinen Örtchens. Dicke, weiße Schneeflocken fielen vom grau behangenen Himmel und alles war weihnachtlich geschmückt. Ein großer Tannenbaum stand in der Mitte des Marktplatzes, hunderte Lampen leuchteten zwischen seinem dunkelgrünen, aber mit Schnee bedeckten Nadelkleid. Überall liefen die Leute geschäftig durch die Gegend, beladen mit Tüten voller Geschenke und mit Vorfreude auf das anstehende Weihnachtsfest. Ein Außenstehender würde glatt den Eindruck bekommen das ganze Dorf wäre glücklich und in Weihnachtsstimmung, aber dem war nicht so. Zugegeben, sie fiel nicht wirklich auf, wie sie dort saß, auf den Stufen der Kirche, eingehüllt in die Stofffetzen, die einst als Kleidung bezeichnet werden konnten und nun ihren einzigen Besitz darstellten. Ihre müden Augen glitten über den Platz, betrachteten traurig die Lichter in den Häusern Drumherum, in denen sie Leute beobachten konnte, die eifrig aufräumten, dekorierten oder bereits die ersten Gäste bewirteten.

Sie würde Weihnachten dieses Jahr nicht so verbringen. Sie würde nicht mit ihrer Familie in einer warmen Wohnung sitzen mit Weihnachtsbaum, reichlich Essen und Geschenken. Sie würde dieses Weihnachten nicht die gleiche Liebe erfahren, wie die vergangenen Jahre. Sie hatte kein Zuhause mehr, für ihre Familie existierte sie nur noch als dunkler, störender Tintenfleck auf der Ahnentafel, den es zu ignorieren galt. Mit der Achtung ihrer Familie hatte sie auch das Dach über dem Kopf verloren und hatte somit die letzten Monate bettelnd und größtenteils unter Brücken oder in Hauseingängen verbracht.

Die ersten Tage und Wochen hatte sie noch viel geweint und gelitten, doch mit der Zeit hielt Gleichgültigkeit Einzug in sie. Sie wusste noch nicht einmal, ob man das, was sie hatte, noch als Leben bezeichnen konnte. Sie war doch nur noch eine Hülle, ein blasser Schatten ihrer Selbst. Ihr einst so fröhliches, aufgewecktes, lebensfrohes Wesen war verschwunden, nur noch eine schemenhafte Erinnerung, gehörte es doch zu einer anderen Zeit, ja beinahe zu einem früheren Leben.

Zitternd zog sie ihre Kleidung fester um sich, schlang ihre Arme um den gewölbten Bauch, der sich bereits seit Monaten kaum noch verstecken ließ. Es würde nicht mehr lange dauern, dann hätte sie sich noch um ein weiteres Lebewesen zu kümmern und das, wo sie doch jetzt schon kaum wusste, wie sich selber versorgen sollte. Der Vater des Kindes wusste von nichts. Zufällig hatten sie sich nach Jahren wiedergetroffen, als er bei seiner Familie zu Besuch war. Es war ein netter Abend gewesen, Alkohol war geflossen, hatte sie beide noch lockerer gemacht, als sie sowieso schon waren. Sie hatte ihn seitdem nicht wiedergesehen. Er war zurück in die Stadt gegangen, in der er nun wohnte und studierte, hatte sie mehrfach angerufen, doch sie hatte nicht reagiert, hatte jeglichen Kontaktversuch im Keim erstickt. Sie wollte seine mitleidigen Blicke nicht, wollte nicht, dass er sich verpflichtet fühlt, ihr monatlich Geld zu schicken oder sogar mit ihr zusammen zu sein. Er hatte ein lockeres, sorgenfreies und unabhängiges Leben und sie war die Letzte, die ihm dies verbauen würde. Der Ort war klein, aber trotzdem gab es auch hier eine Babyklappe beim ansässigen Krankenhaus und von dieser würde sie wohl in Kürze Gebrauch machen.

Sie wusste nicht, was ihre Eltern ihm am Telefon über ihren Verbleib erzählt hatten, kannte nicht die offizielle Geschichte, die erzählt wurde, wenn die seltene Frage gestellt wurde, wo sie denn abgeblieben war. Sie hatte ihren Eltern Schande bereitet. Eine Schande, die nur eine mögliche Konsequenz hatte und genau deshalb saß sie nun hier.

Es war der 23. Dezember und die Buden des Weihnachtsmarktes wurden bereits wieder abgebaut. Es war viel los, aber alle hatten nur Augen für sich, für ihr Tun und Handeln. Kurz vor dem Fest der Liebe blieb keine Zeit, um sich noch um die Probleme anderer zu kümmern, war man doch beschäftigt genug. Während der vergangenen Wochen hatte sie tagsüber Schutz in der Kirche gesucht, deren Türen tagsüber geöffnet wurden. Sie hatte sich dort aufwärmen können, hatte aber auch die Ruhe genossen, nur unterbrochen von gelegentlichen Besuchern, die gekommen waren, um zu beten. Auch das tat sie hin und wieder, auch wenn ihr Glaube, dass dies irgendwie helfen würde, verschwindend gering war. Eine Schneewehe blies ihr eiskalt ins Gesicht, ließ sie erschauern, während sie schützend ihr Gesicht senkte.

Sie erschrak, als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte, blickte blitzschnell auf und rutschte reflexartig ein Stück von dem jungen Mann weg, der sich zu ihr runter gebeugt hatte. Zu oft war sie bereits verjagt worden, war jedem gegenüber misstrauisch. Ein paar warme, braune Augen blickten sie an, schienen direkt bis in ihre verletzte Seele vorzudringen. „Hier, etwas Warmes zu trinken!“ Er sprach leise und bedächtig, aber mit einem Lächeln auf den Lippen, während er einen Becher mit dampfendem Tee in der Hand hielt. Immer noch vorsichtig schaute sie ihn an, während sich ihre zitternden, kalten Hände um das warme Gefäß legten. Er nickte wohlwollend, trat dann einen Schritt zurück und beobachtete sie kurz, ehe er sich wieder entfernte und wenig später mit einer Decke zu ihr zurückkehrte, die er behutsam um ihre Schultern legte. „Ich wohne da vorne in einem kleinen Ferienhaus, magst du vielleicht mitkommen und dich ein wenig aufwärmen?“ Unsicher glitten ihre Augen zu dem Haus, auf das er deutete. Sie kannte die Besitzerin, hatte von ihr die letzten Monate hin und wieder was zu essen bekommen. Sie zögerte und als er dies bemerkte, legte er den Schlüssel zu dem kleinen Häuschen neben ihr auf die Stufe in den Schnee, lächelte sie noch einmal an und verschwand, um weiter beim Abbau der Bude zu helfen. Sie betrachtete den kleinen, silbernen Schlüssel, an dem ein Schlüsselanhänger befestigt war. Es war ein kleiner Engel, dessen Flügel schützend um den kleinen Körper gelegt waren. Sie griff danach, hielt ihn noch eine Weile in der Hand, spürte das kalte Metall auf ihrer Haut, bevor sie mit wackeligen Beinen aufstand und auf das kleine, ein wenig schiefe Fachwerkhaus zuging, das zwischen seinen größeren Nachbarn wie ein Hexenhäuschen aussah. Sie zögerte erneut, als sie vor dem Eingang stand, blickte hinab auf das Engelchen mit seinen geschlossenen Augen und dem seligen Lächeln auf den Lippen. Tief atmete sie durch, führte dann den Schlüssel ins Schloss, woraufhin sich dieses mit einem leisen Klacken öffnete. Wärme strömte ihr entgegen, schien sie sofort einzuhüllen und in das Haus hineinzuziehen.

Es war ein unglaublich schönes Gefühl, als sie wenig später in der mit heißem Wasser gefüllten Badewanne lag. Mit einem ungläubigen, aber glücklichen Lächeln spielte sie mit dem Schaum, verteilte ihn auf ihrem kugelrunden Bauch. Sie war glücklich für diesen Moment, genoss jede Sekunde davon, würde er doch schon bald wieder vorbei sein. Sie hatte sich gerade abgetrocknet und wieder angezogen, als ein stechender Schmerz ihren Unterleib durchzuckte. „Oh Gott, doch nicht jetzt schon!“, murmelte sie ängstlich, biss sich dann auf die Unterlippe, als eine weitere Wehe kam. Mit Mühe schleppte sie sich mit kleinen Schritten zum Bett, ließ sich langsam darauf nieder und legte sich hin. Ihre Beine zog sie etwas näher an sich heran, krallte eine Hand in die Bettdecke und drückte ihr Gesicht ins Kissen, um einen Schmerzensschrei zu unterdrücken.

Sie weiß nicht, wie lange sie dort gelegen und gelitten hatte, aber auf einmal öffnete sich die Tür. Ihr Helfer von vorhin betrat die Wohnung, lief sofort auf sie zu und dann ging alles ganz schnell. Mit routinierten Handgriffen brachte er sie in die richtige Position, holte kühlende Lappen und tupfte ihre Stirn ab. „Hey, hörst du mich?“ Sanft tätschelte er ihre Wange. Sie konnte nur nicken, an Sprechen war nicht mehr zu denken, hatte sie doch das Gefühl tausend Messer würden ihr immer wieder in den Unterleib gestochen. „Okay,…ich wird dir jetzt dabei helfen dein Kleines heil auf die Welt zu bringen, aber du musst auch mitmachen, okay?...Vielleicht magst du mir auch deinen Namen verraten.“ Wieder dieses warme Lächeln, der fürsorgliche Blick aus diesen löwenbraunen Augen. „Chloe. . .ich heiße Chloe!“, brachte sie leise hervor, sah ihn dabei erschöpft an. „Okay, Chloe. . .wir schaffen das!“ So viel Zuversicht und Hoffnung war in seinen Augen zu lesen, halfen ihr, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Erschöpft, verschwitzt, weinend, aber glücklich hielt sie eine Weile später ihren kleinen, schreienden Sohn in den Armen. Ungläubig streichelte sie über seinen Kopf, schaute dann den jungen Mann an, der dabei geholfen hatte, diesem kleinen Wesen das Leben zu schenken. „Er ist wirklich wunderschön!“ Lächelnd schaute er sie an, legte dann die Decke über sie und half ihr dabei den Kleinen ebenfalls in eine einzuwickeln. „Du solltest ein wenig schlafen, das Ganze war sehr anstrengend für dich.“ Sie nickte nur, nahm ihren Blick nicht von dem kleinen, rosanen Etwas in ihren Armen, das sie mit großen Augen anschaute und dessen Herzschlag sie unter ihren Fingern, die auf seinem Brustkorb lagen, spüren konnte.

Etwas irritiert öffnete sie einige Stunden später ihre Augen, als sie Stimmen hörte. „Ja, ich habe Licht hier gesehen. Dabei hab ich die Wohnung schon seit drei Jahren nicht mehr vermietet.“, hörte sie die Stimme der Besitzerin des Hauses. Seit 3 Jahren nicht mehr vermietet? Aber wer hatte ihr denn dann den Schlüssel gegeben? „Chloe?! Was machst du denn hier?“ Erstaunte Blicke trafen sie, während sie sich verwirrt ein wenig aufsetzte. „Ich, also der Mann. . .mit dem Schlüssel. . .er hat mich rein gelassen!“, stammelte sie, versuchte ihr Dasein zu rechtfertigen, doch als die Dame, genau wie die beiden Polizisten neben ihr, das Neugeborene neben der jungen Frau entdeckten, war dies nicht mehr nötig.

„Und du bist sicher, dass jemand hier war?“ „Ja,. . .er hat mir gestern eine Tasse Tee gegeben und dann den Schlüssel. Den mit dem Engel. . .und er war auch bei mir, als mein Kleiner auf die Welt kam. Ich hätte das doch alleine gar nicht geschafft!“ Die Frau nickte nachdenklich und betrachtete einen Moment schweigend den kleinen Jungen in Chloes Armen. „Wie sah der Mann denn aus?“, fragte sie leise. Chloe überlegte kurz, versuchte eine möglichst präzise Beschreibung zu erwidern. „Ähm, so 1,80m groß, schlank, braune Augen, wuschelige, braune Haare, dunkle Kleidung.“ Ihr Gegenüber kramte aus ihrer Handtasche ein Portemonnaie hervor, entnahm diesem ein Bild. „Vielleicht so?“ Die junge Frau nahm es ihr ab, betrachtete es kurz und nickte dann lächelnd. „Ja! Ja, genau, das ist er!“ Die Frau ihr gegenüber musste schlucken, sah schlagartig 10 Jahre älter aus, als sie leise und mit Tränen in den Augen erwiderte „Das kann nicht sein, Chloe! Das ist mein Sohn Matthew. . .und er ist schon 3 Jahre tot!“ Ungläubig schaute Chloe sie an, stammelte nur ein „Aber ich hab ihn doch gesehen!“, was jedoch mit einem traurigen Kopfschütteln ihres Gegenübers quittiert wurde. „Er ist tot, Chloe! Er war auf dem Weg zu einer Patientin, die in den Wehen lag, als er mit seinem Auto von der Straße abkam und einen Abhang hinunterrutschte. Er wurde eingeklemmt und ist erfroren, weil man ihn nicht rechtzeitig gefunden hat.“ Immer noch wollte die junge Frau das nicht glauben, hatte ihr doch der junge Mann vor wenigen Stunden noch geholfen ihren Sohn auf die Welt zu bringen.

Nachdenklich ruhten ihre Augen auf dem schlafenden Jungen. Würde sie jemals die Wahrheit erfahren, ihrem Retter danken können? Sie wusste es nicht. Bei einem aber war sie sich sicher. . .gestern Abend war etwas Wundervolles geschehen und nun lag ihr eigenes kleines Winterwunder schlafend in ihren Armen. . .


… Sie würde ihn Matthew nennen.



das hat ein sehr junges, talentiertes Mädchen, geschrieben

Eine Katze in Handschuhen fängt keine Mäuse!

Wauzi ( gelöscht )
Beiträge:

25.12.2010 00:09
#2 RE: Winterwunder Antworten

Sehr schon und Traurig zugleich

Ninchen Offline




Beiträge: 11.652

27.12.2010 17:10
#3 RE: Winterwunder Antworten

Eine wirklich sehr rührende Geschichte...die Tochter deiner Chefin hat echt Talent.



"Seit ich die Menschen kenne, liebe ich die Tiere".
(Arthur Schopenhauer)

Michelle Offline




Beiträge: 12.095

28.12.2010 12:30
#4 RE: Winterwunder Antworten

Die Geschichte hätte ich ja fast übersehen..

Das ist wirklich ein wundervolle Geschichte

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Ein Leben ohne Hund ist ein Irrtum.
(Carl Zuckmayr)

*~Labrador Retriever ~*

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